Differenz zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Bei einem zweitägigen Kolloquium der Fritz Thyssen Stiftung in Köln wurden unterschiedliche Denkmal- und Erinnerungskulturen vorgestellt sowie international wirksame und anerkannte Wege des Umgangs mit Denkmälern aufgezeigt.

von Ada Brons

Magdeburg

Die mittelalterliche Stadtmauer von Magdeburg

Diesmal krame ich mein bestes Tageskleid heraus, winde das Kopfhaar zum Dutt mit Elfenbeinnadel. Das Parfüm – nein, das lasse ich weg, dafür trage ich Lavendelwasser auf! Gediegen die Räume, am Empfang diesmal eine adretter Student, der Imbiss später dann wirklich grandios! Eigentlich bin ich zu spät, schließlich habe ich den ersten Tag versäumt. Ich befinde mich im einstigen Amerika Haus in der Fritz Thyssen Stiftung im Schatten von St. Aposteln nur ganz knapp extra muros – römisch!

Stadt – Erinnerung – Denkmal

“Stadt – Erinnerung – Denkmal. Positionen zur Validierungdes kulturellen Gedächtnisses” heisst das öffentliche Kolloquium, das vom 16.-17. April 2015 in der Thyssen Stiftung stattfindet. Die Gastgeber – der Arbeitskreis Bodendenkmäler – haben insgesamt zehn Referenten eingeladen, fünf Vorträge konnte ich am Freitag verfolgen – Und die hatten es in sich!

Der Kampf um die Denkmäler

Beginnen wir mit Wilfried Lipp, einst Landeskonservator Oberösterreichs – vor ihm war dies schon im 19. Jahrhundert mit Adalbert Stifter kein Unbekannter –, Präsident von ICOMOS Österreich und Honorarprofessor am Institut für Kunstwissenschaft und Philosophie in Linz. Ohne auch nur einen einzigen Fetzen Papier parliert er über die Charta von Venedig, ausgerüstet mit einem feinen Gefühl für die “pünktliche Pointe”. Dabei macht er es sich und uns nicht einfach: Er dekliniert die einzelnen Paragraphen der Charta und garniert diese mit Praxisbeispielen vor allem aus Wien; es ist mindestens inspirierend, wenn er, der sich als “Widerstandszwerg”, bezeichnet, aus seiner dekmalpflegerischen Erfahrung berichtet – jedoch nicht als fade Erfolgsstory, siehe Bebauung des Wiener Einkaufszentrums usw. Immer wieder geht es um aufgeladene Begriffspaare: intangible heritage, historische Signatur, sightseeing vs. sightsearching, conjecture, historische Imprägnierung, Reparaturgesellschaft, Revitalisierung, Kulturtransfer, das Gleichzeitige im Ungleichzeitigen. Er resümiert letztlich kämpferischer als es hier klingen mag: “Erfahrung kommt immer zu spät!”.

Michael Petzet hat es da im Anschluss wirklich schwer. Zwar möchte der Kunstgeschichtler aus Krailingen in Bayern, der von 1999 bis 2008 Präsident des ICOMOS war, nicht als “prüder Substanzapostel”, wie er es nennt, erscheinen. Aber er betont die Notwendigkeit der seriösen Beschäftigung mit der emotionalen Basis, dem genius loci, bei der Erhaltung und Einbindung historischer Bausubstanzen. Hierbei bringt er uns auch das sogenannte Nara-Dokument zur Echtheit/Authentizität im Sinne des Welterbe-Übereinkommens von 1994 in Erinnerung.

Stralsund

Die Altstadt von Stralsund mit der 1276 erstmals urkundlich erwähnten St.-Nikolai-Kirche

Andere Erinnerungswege

Kurz darauf streift die Althistorikerin Elke Stein-Hölkeskamp in ihrem Vortrag “Geschichte und Erinnerung – Karriere eines Konzeptes” bemerkenswerte Sichtweisen, die allem Anschein nach von der Mehrheit der Anwesenden nur schwer zu rezipieren sind. Im Kern geht es ihr um die kulturspezifische Ausprägung der Erinnerungskultur, die bei uns augenscheinlich schon in der Antike vorbestimmt wurde. Die Autorin der Bücher “Die griechische Welt: Erinnerungsorte der Antike” (2010) und “Erinnerungsorte der Antike: Die römische Welt” (2006) illustriert erwartungsgemäß an Beispielen der memoriae der Alten Kulturen (Trajansäule, Stautuen, Großplastik), wie Erinnerungen in diesen Zeiten kultiviert wurden. Sie gibt wichtige Antworten auf die Frage, warum wir Denkmalpflege eben gerade in der Art und Weise betrachten und betreiben, wie wir es eben tun.

Ein Hoch auf das Blatt Papier und den Bleistift! Denn Erinnerungen brauchen jetzt diesen Speicher und das Gravierende, um nicht allzu viel zu verlieren…mit jeder Viertelstunde schwinden dem Kolloquium jetzt die Teilnehmer, und eine – nicht nur physische – Lücke tut sich auf zwischen den Arbeitskreisteilnehmern in den vorderen Reihen und den scheuen Gästen ganz hinten.

Dabei wird es jetzt erst richtig spannend! Nicolas Pethes vom Institut für deutsche Sprache und Literatur in Köln entführt die Denkmalpfleger mit seinem famosen und sprachgewaltigen Beitrag in die Literatur, genauer die Reflexion von kulturellem Gedächtnis in der Literatur. Und: Erstaunlich, wie viele Parallelen und Ähnlichkeiten es gibt. Er spricht über die Denkmalfunktion von Texten, über Textur als Ergebnis der selektiven Formgebung des vorhandenen Materials oder auch über den ästhetischen Eigenwert und funktionale Autonomie. Überraschend auch, als er das Kapitel „Denkmale“ aus Robert Musils Nachlaß zu Lebzeiten von 1936 zitiert, der soviel – und das ist faszinierend – wichtiges auch für Bau- oder Bodendenkmalpfleger beinhaltet, in dem diese sich wiedererkennen mögen („Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler“). Anregende Gedanken zu Aspekten wie „Innovation, um Interesse zu erwecken“, oder „Gefahren der Kulturindustrie“ führen zu einer Erkenntnis: Die Spannung muss ausgehalten werden („Anschließen und Abweichen“, „Differenz und Wiederholung gleichzeitig“, „Spannung der Paradoxe“) – Man würde gern mehr über diesen Herren und seine Ideen erfahren!

Stralsund

Stralsund von Norden im Stralsunder Bildcodex (1611-1615, verändert)

Gute Nachrichten aus Greifswald

Den Abschluss bildet Inken Baller, eine in Dänemark geborene Architektin, die unter anderem durch ihre Arbeiten in Berlin bekannt ist. In einem sehr persönlichen Vortrag berichtet sie ungemein fundiert über die im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts gegründete Hansestadt Stralsund, über ihre Entwicklung im 20. Jahrhundert, ihren rapiden Zerfall und schließlich die schier letztsekündliche Rettung durch die Wiedervereinigung 1989. Von da an wurde das historische Zentrum der Stadt mit dem gotischen Rathaus, den Backsteinkirchen, dem Speicher und dem Hafen mit einer beispiellosen städtebaulichen und denkmalpflegerischen Verve für das „Leben, Wohnen und Arbeiten“ wiedergewonnen. Von wegen nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten!

Insgesamt war der Besuch des Kolloquiums einmal mehr sehr lohnenswert. Das ist vor allem auch den teilweise recht offenen und – um einmal Ross und Reiter zu nennen – vor allem durch die inspirierenden Beiträge von Norbert Nussbaum und Ingrid Scheurmann befruchteten Diskussionen zu verdanken.

Was könnte besser sein? Die Internetseite sollte immerfort aktualisiert werden und vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, in Zukunft die Kolloquien auch als Tagungsband oder als Online-Bericht nachzubereiten.

Nächstes Kolloquium: Mit der U-Bahn in die Vergangenheit – Erinnerungsorte im Massenverkehr (Do, 29.10.2015 – Fr, 30.10.2015)

 

 

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