Zwiesprache in dunklen Zeiten – Schwierigkeiten mit der Archäologie

Warum interessiert der Westen sich für fremde Völker, Kulturen und Archäologie? Was verraten sie ihm über sich selbst? – Eine Zwiesprache in dunklen Zeiten.

von Ada Brons

…ein angenehmer milder Tag. Trotz eines Milchshakes, eines Tellers voller Melonenstücke und eines Ventilators, der die warme Sommerluft vergebens durcheinanderwirbelt, zittert mein Gegenüber, während er die Seiten eines kleinen Heftchens durchblättert.

Ist es eine Schmähschrift? Ich frage Ihn, wie es denn so läuft. Darauf antwortet er mit einer Gegenfrage: „Was weist Du wirklich über die Archäologie in unserem Land?“. Er sagt, sie hatten nie das Gefühl, dass die Menschen wirklich teilhaben sollten an dem, was ihre Identität doch ausmachen sollte. Die Archäologen arbeiteten im Verborgenen in geschlossenen Kreisen, fast wie Geheimgesellschaften – allenfalls mit dem belehrenden Zeigefinger und stets darauf bedacht, ihr Wissen nur wohldosiert zu teilen.

Und so erntete er nur Achselzucken unter den Menschen, als er in seinem Dorf erschüttert berichtete: Sie haben Khaled al-Assad hingerichtet, Palmyra ist verloren; nicht nur Palmyra, auch Aleppo, Apamea, Damaskus und Karjatain! Für sie waren die Archäologen Teil des Systems, der staatlichen Antiquitätenbehörde.

Ich schäme mich fast, als wir auf die reflexartigen, belanglosen Condemnations von Irina Bokova, der merkelesquen Generaldirektorin der UNESCO, kommen. Es wird der Tag kommen, an dem wir wohl auch mit Daesh verhandeln werden!? „Monika Grütters Novelle zum Kulturgutschutzgesetz – wie steht es damit? Euer offenes Land ist sicher ein Paradies für Denkmalpfleger?“, fragt er nicht ohne Hintersinn.

Womit wir wieder bei Geheimgesellschaften wären!? Ich halte entgegen, wir berichten, publizieren und diskutieren unsere Arbeit. „Wie würden Eure Behörden reagieren, wenn eine jemenitisches Archäologen-Team in der Oberpfalz Forschungsgrabungen unternehmen wollte?“, fragt er. Mein denkmalpflegerisches Selbstverständnis sollte jetzt erste Kratzer bekommen!? Er diktiert weiter: Archäologische Zone Köln, eine Erfolgsgeschichte!? Wie war das noch mit dem Schicksal der griechischen Kulturschätze während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg? Und: Warum mussten die Tübinger Archäologen im Jahre 2012 ihre Ausgrabungen in Troja abbrechen?

Warum sollte der zuletzt von Peter Scholl-Latour thematisierte Fluch der bösen Tat nicht auch und gerade auf Archäologie und Denkmalpflege lasten?

„Nein, es ist keine Schmähschrift.“, versichert er mir, als das Frappé lehrgetrunken, die šimsiyye vernascht und der Ventilator verstummt ist. Stunden nachdem er gegangen ist entdecke ich das kleine Heftchen auf meinem alten Clubsessel. Seine Seiten sind leer, nichts geschrieben, keine Skizzen. Nur in der Mitte liegt zusammengefaltet ein französisch beschriebenes Blatt. Es trägt die Abschrift des Kapitels Ethnozentrismus aus dem Roman Rub‘ Al-Khali – Leeres Viertel von Michael Roes.

„Warum interessiert der Westen sich für fremde Völker und Kulturen? Was interessiert ihn an den Fremden?“

 

 

 

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